Rezension

The Hate U Give von Angie Thomas

Die Autorin: Angie Thomas
Die Übersetzerin: Henriette Zeltner
Originaltitel: The Hate U Give *
Dt. Titel: The Hate U Give *
Dt. Erstausgabe: 24.07.2017
Verlag: cbt
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Genre: Gegenwartsliteratur | Jugendbuch

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen…

Meine Meinung

The Hate U Give“ von Angie Thomas ist ein Debüt, das aufrüttelt und bewegt – ein Buch, das man gelesen haben sollte!

Lange habe ich mich vor dieser Rezension gedrückt, denn mir fehlten schlicht die Worte für das, was ich empfand. „The Hate U Give“ hat mich begeistert und zu Tränen gerührt, gleichzeitig aber auch enttäuscht und erzürnt. Hinzu kommt die natürliche Scheu, die ich als Weiße bei dem Thema Rassismus empfinde. Habe ich überhaupt ein Recht, mich kritisch dazu zu äußern?

Da nun einige Wochen vergangen sind, hat sich mein Gemüt beruhigt und ich kann das Ganze aus einer gewissen Distanz betrachten. Was ich nun auch tun werde:

The Hate U Give“ hat einen Hype ausgelöst – und das zurecht! Der Markt wird überschwemmt von banalen Jugendbüchern, die nichts anderes aussagen, als dass heiße Kerle sich so ziemlich alles erlauben dürfen. Dass solche Bücher dafür sorgen, dass eine ganze Sparte in Verruf gerät, sollte also niemanden wundern…zum Glück gibt es mutige, frische Stimmen, die etwas zu sagen haben und das Wort an die Zielgruppe richten, die scheinbar niemanden interessiert, obwohl sie diejenigen sind, die in nicht allzu ferner Zukunft die Welt bewegen werden. So ist dieses Buch ein echter Rohdiamant: ein noch ungeschliffenes Juwel.

Vermutlich wisst Ihr alle, worum es geht, deshalb erspare ich Euch das. Fakt ist: neben seiner einschlägigen und zentralen Thematik, möchte Angie Thomas noch so einiges mehr erzählen – und übernimmt sich damit fast. Natürlich, Rassismus ist allgegenwärtig, aber es geht auch um Bandenkriminalität, Drogenkonsum und -verkauf, das Leben in einem sozial schwachem Viertel gegenüber dem Luxus einer Upper Class Privatschule, Familie, Freundschaft und erste Liebe – alles in der Gegenüberstellung von Schwarz und Weiß. Der Tod Khalils und die Anklage des weißen Polizisten, der ihn erschoss, rückt dafür weitgehend in den Hintergrund.

Dieser Umstand hat mich lange Zeit auch gar nicht groß gestört, denn ich habe alles förmlich aufgesogen. Die fremde Kultur, die Nuancen der unbeabsichtigten Rassendiskrimierung (Oh ja, wir sagen alle Dinge, die wir nicht so meinen, die aber für die Tonne sind. Ich wollte es auch nicht glauben…) und dem Dilemma der Ghettos, das hier wirklich ganz wundervoll anschaulich erklärt wird. Großartig! Doch leider auch ein wenig abschweifend, weswegen ich es der Autorin sehr übel genommen habe, dass der eigentliche Prozess nicht gezeigt wird. Dafür wird das bestimmt der Dreh- und Angelpunkt im Film, genau wie Starrs Beziehung – wir kennen doch Hollywood!

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive Starrs erzählt und verdankt ihr seine ungewöhnliche Sprache. Direkt und einfach ist wohl noch zu nett ausgedrückt, denn hier wird ganz klar Slang verwendet. Muss nicht jedem gefallen, fühlt sich aber unleugbar authentisch an. Stilistisch ist es wenig besonders und manche Stellen holpern ein bisschen, aber das spielt bei diesem Buch nun wirklich keine Rolle.

Starr ist eine kantige Protagonist, perfekt für die Geschichte, dafür aber nicht immer Sympathieträger. Ganz im Gegenteil sogar, stellt sie doch oft mehr Reibungspunkt als Lockmittel dar. Sie ist keine strahlende Heldin, sondern ein Teenager, der in zwei Welten lebt und schon viel zu viele Tode erleben musste.

Was ich wirklich nicht mag, ist der umgekehrte Rassismus. Hat die repräsentative Gesamtheit der Weißen einen Dämpfer verdient? Sicher, immer, aber gehört das in ein Buch für mehr Toleranz? Niet. Es sind sicherlich nur einige wenige Sätze, aber die fielen mir auch nur so auf, weil sie so aus dem Kontext gerissen schienen. „Wigga = White Nigga“ kriege ich einfach nicht aus dem Kopf. In der Gegenüberstellung, sprich dem direkten Aufeinandertreffen der hier gewählten Oppositionen, empfand ich kritische Äußerungen stets als angebracht und teils auch Augen öffnend, aber Starrs innere Monologe verbuche ich als grenzwertig. Viel schlimmer ist allerdings ihr Verhalten gegenüber ihrem Freund. Den armen Jungen hat sie schlicht und ergreifend schlecht behandelt und das auf die Hautfarbe zu münzen, macht es nicht besser.

Dafür komme ich nicht umhin, einen Lobgesang auf den Familienzusammenhalt in „The Hate U Give“ zu singen. Meist verschwinden Eltern in Jugendbüchern auf ominöse Weise, aber hier sind sie allzeit präsent – und teils sogar noch plastischer als die eigentliche Hauptfigur. Die komplette Familie präsentiert alles, was THUG thematisiert. Sie spielen alle eine wichtige Rolle und sorgen gleichzeitig dafür, dass man sich als Leser eben wohlfühlt. So, wie das in einer Familie sein sollte.

Fazit

Angie Thomas hat mit „The Hate U Give“ ein Debüt hingelegt, das sich sehen lassen kann. Solch eine brisante Thematik derart authentisch, locker und doch einfühlsam zu vermitteln, insbesondere in Form eines Jugendbuchs, ist eine Kunst für sich – und Angie Thomas schlägt sich sehr gut darin. Sicherlich ist „The Hate U Give“ nicht perfekt, dafür aber umso wichtiger. Lest es! Schenkt es Euren Kindern – Ihr werdet es gewiss nicht bereuen! 4,5/5 Bücher!

Die Autorin

© Anissa Hidouk

© Anissa Hidouk

Angie Thomas ist in Jackson, Mississippi, aufgewachsen und lebt auch heute noch dort. Als Teenager tat sie sich als Rapperin hervor; ihr ganzer Stolz war ein Artikel im Right-On! Magazine. Thomas hat einen Bachelor-Abschluss im Fach Kreatives Schreiben an der Belhaven Universität. Ihr Debüt The Hate U Give erntete ein überschwängliches Presse- und Leserecho und schaffte es auf Anhieb auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste.

www.angiethomas.com


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2 Gedanken zu „The Hate U Give von Angie Thomas

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