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Internationale Kriminacht | Mord am Hellweg

Am Freitag, dem 04. November, war ich zur Gast bei der Internationalen Kriminacht, einer der letzten Veranstaltungen des internationalen Krimifestivals Mord am Hellweg in diesem Jahr. Die Autoren vor Ort waren Mark Billingham aus England, Declan Burke aus Irland und Michael Theurillat aus der Schweiz. Begleitet wurden die beiden britischen Autoren von Robert Brack, u. a. Übersetzer von BurkesThe Big O“, und Henning Freiberg, dessen Stimme WDR-Zuhörern keine Unbekannte sein dürfte. Moderiert wurde der Abend von Margarete von Schwarzkopf und musikalisch untermalt vom Hellweg Crime Trio.

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Das Hellweg Crime Trio eröffnet den Abend

Für mich war das die erste Veranstaltung von Mord am Hellweg. Zwar war mir das Krimifestival durchaus ein Begriff, aber aus Gründen, die ich selbst nicht mehr ganz nachvollziehen kann, hatte ich mich bis dato nie weiter damit befasst. Ein Fehler, der mir gewiss nicht noch einmal unterläuft! Dank des Atrium Verlages und der Netzwerkagentur Bookmark nahm ich an diesem Leseabend teil und wie es mir dort gefallen hat, möchte ich Euch nun erzählen.

Ursprünglich war geplant, dass Sabrina von den Bookwives und ich gemeinsam nach Unna fahren würden, was leider aus gesundheitlichen Gründen so nie zustande kam. Zum Glück ist Unna nicht weit weg, trotzdem war die Vorstellung, alleine so eine Veranstaltung zu besuchen, ein wenig ungewohnt für mich. Hingefahren bin ich offensichtlich trotzdem und, wie es der Zufall so wollte, sprach ich noch auf dem Parkplatz den einzig anderen Pressevertreter an, weil ich nach dem Weg fragen wollte. Na gut, ich hätte es auch so gefunden, aber ich rede halt gerne mit Menschen. Jedenfalls hatte ich so zumindest eine Person gefunden, der ich mich zugehörig gefühlt und an die ich mich bei Fragen und Unsicherheiten wenden konnte. Da der junge Mann allerdings für eine richtige Zeitung schreibt, musste er die Veranstaltung schon etwas eher verlassen, damit der Artikel noch am nächsten Tag erscheinen konnte.

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v. l.: Michael Theurillat, Declan Burke, Mark Billingham

Der Ort des Geschehens aka der Tatort könnte kaum atmosphärischer sein. So fand der Abend im Bestattungsinstitut Groß statt; in einem Saal, der blutrot beleuchtet war. Mit der Titelmelodie der deutschen TV-Serie „Tatort“ eröffnete das Hellweg Crime Trio die Kriminacht und Mark Billingham betrat gemeinsam mit Margarete von Schwarzkopf und Henning Freiberg die Bühne. Bevor uns Auszüge aus seinem neuen Buch „Die Schande der Lebenden“ vorgelesen wurde, plauderte die Moderatorin erst einmal ganz entspannt mit dem Autor. Da dieser kein Deutsch sprach, fasste von Schwarzkopf das Gespräch zwischenzeitlich immer wieder mit ihren eigenen Worten in unserer Sprache zusammen.

Zunächst sprach von Schwarzkopf Herrn Billingham auf seine „Karriere“ als Comedian an, die laut seiner Aussage „largely unsuccessful“ verlief. Eigentlich kaum vorstellbar, denn die Erheiterung des Publikums war ihm durchweg sicher. Interessant war sein Vergleich von Comedy und Krimi: um einen spannenden Kriminalroman zu schreiben oder einen lustigen Witz zu erzählen, muss man in beiden Fällen zuallererst die Aufmerksamkeit des Lesers/Zuhörers sichern; man muss sie bei der Stange halten, Spannungselemente einbauen und mit mindestens einem großen Überraschungsmoment aufwarten. „Comic relief“ (zu Deutsch: „komische Entlastung“ oder „befreiende Logik“) funktioniert eben nicht nur bei Komödien.

Die Schande der LebendenAnders als andere Autoren wahrt Billingham ganz bewusst Distanz zu seinen Figuren, allen voran seinem Protagonisten. So ist in „Die Schande der Lebenden“ der erste und eigentliche Protagonist zugleich das Opfer und sein bekannter Inspector Tom Thorn ist nicht nur in jedem Buch anders, sondern auch optisch ein Geheimnis für Billingham. Er überlässt es dem Leser, sich ein Bild von Thorn zu machen.

Sein aktuelles Buch „Die Schande der Lebenden“ muss allerdings ohne den beliebten Inspector Thorn auskommen. Es ist ein Standalone, der sich mit einer Therapiegruppe für Suchtkranke befasst. Einer von ihnen stirbt; einer von ihnen ist ein Mörder – nur wer? Neben dem Mord ist die Frage, warum man überhaupt süchtig wird, ein ganz zentraler Aspekt. In diesem Kontext erzählte uns Billingham auch eine kleine Anekdote über Experimente mit Ratten. Da ich diese nicht so gut wiedergeben kann wie er, füge ich Euch einfach einen Link zur Huffington Post ein, über den Ihr zu einem Artikel gelangt, der sich genau damit befasst.

→ Johann Hari über die wahre Ursache von Sucht

Die Schande der Lebenden“ hat eine außergewöhnliche Struktur. Mit den vielen verschiedenen Zeitebenen wirkt es nicht nur komplex, es lädt auch zur Verwirrung ein. Das alles hatte mich so neugierig gemacht, dass ich mir das Buch in der Pause gleich gekauft hatte und nach dem Lesen der ersten 50 Seiten kann ich definitiv bezeugen, dass es ganz schön drunter und drüber geht. Allerdings auf eine gute Art, die neugierig macht. Ich kann gut verstehen, dass Billingham Spaß daran hatte, diesen Roman zu schreiben. Vor allem in Hinblick darauf, dass er lange Zeit selbst nicht wusste wer das Opfer oder der Täter wird.

Zum Abschluss des Gesprächs erfuhren wir, dass Billinghams nächstes Werk ein Thorn-Thriller über Ehrenmorde werden würde. Abgerundet wurde sein Teil des Abends dann mit der Lesung zweier kurzer Abschnitte, der Erste von Billingham, Letzterer von Henning Freiberg.

Zur Titelmelodie von „Der Pate“ betrat dann Michael Theurillat die Bühne, um uns seineWetterschmöckern neuesten Krimi „Wetterschmöcker“ vorzustellen. Der sympathische Schweizer war ehemals Bankier und versuchte sich sogar 2 Jahre als Psychologiestudent bevor er dann das Schreiben für sich entdeckte.

Wetterschmöcker“ erzählt die Geschichte von vier Kindern, denen in jungen Jahren furchtbare Dinge widerfahren sind. Es befasst sich mit den Fragen, wie die Menschen mit Traumata umgehen und wann sie überhaupt darüber sprechen. Theurillat betrachtet (seine) Krimis als moderne Gesellschaftsromane, wobei der Krimi den Gesellschaftsroman erst spannend macht.

„Verbrechen heißt, es bricht etwas.“

Seine Hauptfigur ähnelt Billinghams Thorn insofern, als dass er ebenfalls ein Modell Jedermann ist. Das geht sogar so weit, dass sein Komissar Eschenbach keinen Vornamen hat.

Auch Theurillat beendete seine Bühnenzeit mit dem Lesen zweier kurzer Szenen, nur dass dieses Mal kein Übersetzer nötig war. 007 läutete dann die Pause ein.

Die Pause nutzte ich nicht nur, um frische Luft zu schnappen und mir „Die Schande der Lebenden“ zu kaufen, nein, ich schnappte mir auch kurz Mark Billingham und plauderte nett, aber kurz, mit ihm während er mein Buch signierte. Schneller als gedacht war die Pause dann auch schon wieder vorbei und ich musste die anderen beiden Autoren zumindest geistig auf später verschieben.

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Den Abschluss des Abends bestritt dann der irische Autor Declan Burke. Er eröffnete das Gespräch damit, dass er sich in dem Bestattungsinstitut sehr wohl fühlen würde; es sei fast wie Zuhause – und hatte damit alle Lacher sicher. Und so ging es dann auch weiter: gemeinsam mit Robert Brack wusste Burke wirklich gut zu unterhalten und machte „Comedian-Billingham“ ganz schön Konkureenz.

Crime Always Pays – Das englischsprachige Blog von Declan Burke

Ehemals war Burke als Journalist tätig und träumte lange Zeit vom Schreiben, hätte sich aber selbst nie zugetraut, tatsächlich ein Buch zu veröffentlichen. Seine Krimi-Leidenschaft begann schon früh – und zwar mit Enid Blyton. Geprägt und inspiriert haben ihn u. a. Agatha Christie und viele amerikanische Krimi-Autoren im Allgemeinen. Dementsprechend sind seine Lieblingsgenres auch Crime und Mystery. Burkes Steckenpferd sind Dialoge, ein Drehbuch oder Theaterskript könne er aber trotzdem nicht schreiben, sagte er.

Seine Charaktere sind definitiv nicht Modell Jedermann. Der Arbeitstitel für „The Big O“ war „Karen King – Pirate Queen“ und seine Protagonistin ist eine Kick-Ass-Anti-Heldin wie sie wohl in keinem Buche steht. Inspiration für die Figur erhielt er von einer realen Piratin, die zur Zeit Elizabeth I gelebt hat. Diese beiden konträren, starken Frauen haben sich sogar einmal getroffen und in Latein unterhalten – so sagt zumindest die Legende. Während des Schreibens entdeckte er aber auch immer wieder seine Schwester in Karen. Er sagt, sie sei ebenfalls stets „at war“ – zum Beispiel für den Feminismus und die Emanzipation.

The Big OSein Protagonist ist ein „bad guy and bad criminal“ und ein buchstäblich kleiner Kleingenove. Er bewundert Musselini und Napoleon und bringt so schon selbst eine ordentliche Portion Komik mit in die Geschichte.

In „The Big O“ treffen drei mehr oder weniger erfolgreiche Kleinkriminelle aufeinander, deren Leben auf geradezu irrwitzige Weise miteinander verwoben sind. Schon der Klappentext verspricht spannende wie lustige Lesestunden und die vorgelesenen Stellen porträtierten genau das. Ich habe lange nicht mehr so gelacht und so ging ich an diesem Abend tatsächlich mit zwei Büchern nach Hause, obwohl ich mir ursprünglich vorgenommen hatte, stark zu bleiben.

Zum Abschluss habe ich mir dann die Autoren für ein Foto geschnappt und sie dann in ihren wohlverdienten Feierabend entlassen. Alles in allem war es ein wundervoller Abend, den ich gerne wiederholen würde. Mord am Hellweg IX werde ich mir also nicht engehen lassen!


Habt Ihr schon einmal eine Veranstaltung von Mord am Hellweg besucht? Erzählt mir davon!

Eure

Rica's Signature

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